zur Diskussion

Als Vorbereitung, Ergänzung oder Weiterführung finden sich hier einige Beiträge von uns, eingeladenen Podiumsgästen und anderen Menschen zu den Themen der drei Veranstaltungen.

Bernd Gehrke: Was tun mit Kommunismus?!

1. „Die Linke und der ‘real existierende Sozialismus’“
Bini Adamczak: Auszug aus GESTERN MORGEN. über die einsamkeit kommunistischer gespenster und die rekonstruktion der zukunft
Edition Assemblage
Bine Adamczak:
Killing in the name of. Bini Adamczak über linke Verantwortung für den Stalinismus und die Zukunft des Kommunismus
Bini Adamczak/Anna Dost: Willkommen im Club der linken Versager
Zur Geschichte des realexistierenden Scheiterns

Hauke Brenner: Materialien zur Stalinismusdiskussion für das Seminar am 7.7.90 im Mehringhof
Thomas Klein: Die „radikale“ Linke auf dem Weg ihrer Selbstentmündigung? Beobachtungen während einer Veranstaltung im KATO
Erstveröffentlichung: ostblog
Thomas Klein: „Kommunismus“ – eine Debatte?
Erstveröffentlichung: telegraph 122/123, Berlin 2011, S. 26-32;
Hartwig Runge: Der Anteil des Affen an der Mensch(lich)werdung der Arbeit oder Der Anteil der Arbeitslosigkeit an der Veraffung des Menschen – ein polemischer kulturpolitischer Essay aus dem Jahre 2003
Monika Runge: „Demokratie, Partizipation und Sozialismus“ – Warum scheiterte der osteuropäische Sozialismus?

2. Wie sozialistisch war der „real existierende Sozialismus“?
Helmut Bock: Die Arbeiteropposition, aus: Das Menetekel. Kronstadt 1921. Kriegskommunismus und Alternativen, mit Beiträgen von Helmut Bock, Karl-Heinz Gräfe und Wladislaw Hedeler, Helle Panke e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin, Berlin 2011
Sebastian Gerhardt: Die Hebelwirtschaft der DDR – Zur Kritik einer moralischen Ökonomie
Renate Hürtgen: Vergesellschaftung und Partizipation oder: Was findet man auf der Suche nach sozialistischen Alternativen im VEB?
Erstveröffentlichung: Prokla 155, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 39. Jg., Nr. 2, Juni 2009, S.325-343
Renate Hürtgen: Vom Kommunismus soll schweigen, wer von Stalinismus nicht reden will!,
Christoph Jünke: Die unvollendete Revolution. Werner Hofmann und Isaac Deutscher
(1.Kapitel aus: Christoph Jünke: Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute, Köln 2007, S.15-40. Entnommen mit freundlicher Genehmigung des Neuen ISP-Verlages)
Nadja Rakowitz / Edgar Weick: Zum Auffüllen der utopischen Vorräte. aus: „Einblick auf verborgenes Terrain“ – Diskussion über die DDR und 20 Jahre 1989, Ränkeschmiede 20, 2. Auflage September 2010, Herausgeber: express-Redaktion,
Anne Seeck: Die Linke, der Realsozialismus und die Utopie
(trend onlinezeitung 2/2011)
Anne Seeck: 50 Jahre Mauerbau: „Danke“ JUNGE WELT
(trend onlinezeitung 7-8/2011)
Harry Waibel: Kritik der marxistisch-leninistischen Organisierung – oder:
Für Befreiung und Emanzipation!

Ralf G. Landmesser: Rezension „Der Bolschewistische Mythos“ von Alexander Berkman
Ralf G. Landmesser: 2012 – Vor 75 Jahren stalinistische Konterrevolution in Spanien: Die Maitage in Barcelona

3. „Raus aus dem Kapitalismus – aber wohin? Konkrete Utopien heute“
Bernd Gehrke: Selbsttäuschung und Emanzipation. Von der Notwendigkeit des Begriffs unserer Geschichte. „Sklaven“ Nr. 4/5 1994
Bernd Gehrke: Nachdenken über das Begräbnis einer falschen Leiche. Aus: Hans Misselwitz, Katrin Werlich (Hg.), 1989: Später Aufbruch – Frühes Ende? Eine Bilanz nach der Zeitenwende, Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung 2000, S. 183-193.
Sebastian Gerhardt: An und für sich Freiheit. Zur historischen Tendenz einer neuen Kritik der politischen Ökonomie der Arbeit. Erstveröffentlichung: Karl-Heinz Roth/Marcel van der Linden(Hg.) Über Marx hinaus.
Sebastian Gerhardt: Dokad od kapitalizmu?- wohin vom Kapitalismus aus? Eine politische Momentaufnahme. telegraph 122/123, S. 34-39
A-Laden Kollektiv: Wollen die Anarchisten die Republik ins Chaos stürzen?
TOP B3rlin: Reduce to the Maxx: Just Communism!

4 Antworten zu “zur Diskussion

  1. Jan Nowack

    Auf Wunsch des Kommentators wird der Beitrag zeitweilig aus der Liste genommen: es soll eine kleine Richtigstellung vorgenommen werden. Bald ist also der Kommentar wieder in der verbesserten Version online. SEK

    • Jan Nowack

      Was tun mit Kommunismus!
      Anlässlich einer Veranstaltung, zur Diskussion.

      Ein breites Bündnis, ein breites Podium. Von ‚A‘ wie A-Laden über ‚R‘ wie RLS bis ‚Z‘ wie ZAG. Auf dem Podium des ersten Abends: Bini Adamczak, Hauke Benner, Willi Hajek, Thomas Klein, Elfriede Müller, Monika Runge, Jörn Schüttrumpf. Moderation: Anne Seek und Bernd Gehrke.

      „Was tun mit Kommunismus?!“ ist die Frage, die in dieser Runde kontroverse Diskussion erwarten lässt. Doch diese Frage, mit der die gesamte Reihe überschrieben ist, greift vor, auf den letzten Abend. Zunächst soll es um: „Die Linke und den ‚Real existierenden Sozialismus‘“ gehen. Bini Adamczak kommt zuletzt herein, aber sie legt gleich los. Die Epoche des „Endes der Geschichte“ sei, so ist zu hoffen, selbst wiederum vorüber. Glatte 20 Jahre, vom Fall der Mauer und dem Anschluss Ostdeutschlands bis zum „Arabischen Frühling“, werde sie wohl gedauert haben. Nun, gleichsam nach dem Ende, stelle sich die Frage, wie es weiter gehen soll, und was man mit dem Kommunismus noch anfangen will.

      Denn die „diskursive Machtstruktur“, eine Art Zwickmühle, durch welche die Zeit vor jener Epoche des Endes gekennzeichnet gewesen sei, sei ebenfalls gründlich dahin. Was sie ausmachte, diese Zwickmühle, so Adamczak, sei folgendes Dilemma gewesen: Die Kritik des „real existierenden Sozialismus“ stand in der Gefahr, dem real existierenden Kapitalismus in die Hände zu spielen, während sich andersherum die Kritik des Kapitalismus dem Verdacht aussetzen musste, dem Stalinismus das Lob zu singen. Da diese diskursive Blockkonfrontation, in der jede differenzierte Kritik tendenziell aufgerieben wurde, der Geschichte angehöre, sei das Feld nun offen, sich über den Kommunismus wieder unvoreingenommener zu verständigen. So weit, so gut.

      Nur erschien diese Offenheit in dem Beitrag Bini Adamczaks zugleich merkwürdig geschlossen, denn geöffnet vor allem auf das real existierende, historisch beschlossene Desaster. Eine Geschlossenheit, die sich etwa in der Aufforderung an „die Linke“ äußert, „ihr Erbe“ anzunehmen und zu konfrontieren, d.h. letztlich womöglich in einer Indentifikationsaufforderung „der Linken“ und „ihres Erbes“ mit dem autoritären Kommunismus, was spätestens dann unangenehm und unannehmbar wird, wenn diese Forderung sich pauschal etwa auch an libertäre Links-Oppositionelle der Ex-DDR richtet, für die, wie Thomas Klein sagte, völlig klar war, dass die stalinistische Nomenklatura nicht links war, und dass wer links war, diese nicht verteidigte.

      Der eher implizite Wunsch nach einem freiheitlichen Kommunismus, der solchen Veranstaltungen und solchen Diagnosen (vom Ende des Endes) unterliegt und ihnen ihren Reiz verleiht, wird durch diese negative historische Fixierung tendenziell blockiert und in die Latenz gezwungen. In der Aufforderung zur Identifikation mit der autoritären Tradition, als mit „dem“ Erbe „der“ Linken, werden historisch unterlegene Strömungen tendenziell ein zweites Mal eskamotiert. Die Identifizierung des eigenen Erbes, mit dem man sich auseinanderzusetzen hätte, bringt die Linke, an die die Forderung pauschal ergeht, ebenso wie ihr Erbe in eigentümlicher Weise ungewollt auf-Linie. So wird das Erbe eines libertären Kommunismus, mit dem man sich in seinem eigenen Recht zu beschäftigen hätte, ex negativo ausgeschlagen. Der libertäre Kommunismus, historisch von den Autoritären unterdrückt, würde durch diese Fixierung auf eben jene Autoritären − das wäre das Skandalöse − ungewollt ein weiteres mal abgedrängt und ideengeschichtlich zum Verschwinden gebracht. Doch wahrscheinlich ist es nicht so. Wahrscheinlich hat man sich, trotz aller schicksalhaften Folgerichtigkeit, die Bini Adamczak dem Leninismus, und sei es nur melancholisch, auch sonst zugesteht − das Bündnis lässt es erwarten − für den letzten Abend noch etwas aufgehoben.

      „Wie bin ich nun zu dieser Liebhaberei gekommen? Ich will es euch sagen. Gute und kluge Männer haben Bücher geschrieben, in denen sie zeigen, wie man in der Welt leben muß, damit sich alle wohl fühlen. Sie sagen, man solle Werkstätten nach neuen Grundsätzen errichten. Dadurch entstand in mir der Wunsch, mit euch zu versuchen, ob man nicht so eine Werkstatt gründen könne, die diesen Zweck erfüllt. (…) Jene Männer sagen, nur solche Einrichtungen gedeihen, welche auf den Wunsch der Beteiligten ins Werk gesetzt werden. Das ist auch meine Überzeugung.“

      (So Wera Pawlowna in Nikolaj Gawrilowitsch Tschernyschewskij, Was Tun?, Berlin 1951 (1863), S. 269f.)

      Aber weiter: Jörn Schüttrumpf kritisierte den Leninschen Avantgarde-Gedanken und das System einer Minderheitendiktatur. ‚Die Avantgarde ist der Generalstab der Revolution‘, wird Willi Hajek Lenin noch zitieren. Er sagt dann, es sei notwendig, Revolutionsvorstellungen zu „entjakobinisieren“. Es brauche Organisationen, um die Instrumentalisierung durch die Generalstabsfraktion zu verhindern. Hajek erinnert an hunderte von wilden Streiks in Frankreich Anfang der 1970er Jahre, eigene Komitees und die Auseinandersetzung mit Selbstorganisation. Das hat wohl auch Bini Adamczak gemeint, als sie rhetorisch fragte, ob es in einer Situation, in der die Macht auf der Straße liegt, nicht die Aufgabe von Revolutionär_innen sei, „alles zu tun, dass die Macht, die auf der Straße liegt, von keiner Avantgarde aufgegriffen wird, sondern alles dafür zu tun, dass diese Macht auf der Straße liegen bleibt.“ Das geht nicht aus dem Stehgreif. Aus dem Publikum wird eingefordert, sich konkret über die Fragen der Organisierung alltäglicher Bedürfnisbefriedigung Gedanken zu machen, im Kleinen − das sei nicht zu unterschätzen −, statt in Deutschland alle Revolutionen immer nur in Gedanken zu vollziehen. So vom Kleinen her lässt es sich auch nicht gut dekretieren. Vielleicht hat deshalb in Deutschland noch kaum jemand daran gedacht. Hajek beschreibt die prägende Erfahrung des Versuchs, von Seiten der nominell-kommunistischen Parteien „‘ne Dynamik zu verhindern“. Die „Angst, dass sich soziale Bewegungen entwickeln, die nicht unter ihrer Kontrolle stehen“, und plötzlich ein Schreckbild: „Der große Feind in der Arbeiterbewegung ist der deutsche Anarchist!“

      Wenn Lenin in „Staat und Revolution“ Engels wohlwollend zitiert, wo dieser gegen die Libertären spöttelt, dass „[e]ine Revolution gewiss das autoritärste Ding [sei], das es gibt“, so folgt er ihm in der Begründung des Binnenverhältnisses unter den Revolutionär_innen durch das Außenverhältnis gegenüber „den Reaktionären“. Was dies aber bedeutet ist schlicht: Wer sich der selbst erklärten Avantgarde nicht beugt, ist Reaktionär und wird zurecht gebrochen. (vgl. MEW 18, 308, Lenin AW, Bd. 2, 205) Das Begründungsmuster ist ebenso klassisch, wie die Schiffsmetapher, der es sich mit Vorliebe bedient. (vgl. Politeia 488a) Frage: Wer soll das Schiff lenken? Antwort: Jene, die im Besitz des höheren Wissens sind. Das höchste Wissen aber kann sich nicht rechtfertigen vor denen, die nicht an ihm teilhaben. Die Massen sind dumm und verstehen es nicht. Sie sind da, um zu rudern, und sie bedürfen der Schulung durch die sanktionierten Agitatoren der Avantgarde, − nach dem Schlage wohl unseres „tiefen“ Engels, dem „die Sache“ mit dem sachlichen Vorgang auf dem Niveau des Letzteren verschwimmt. (vgl. ebd.)

      Nicht hatte das Scheitern der Russischen Revolution zu seiner Vorbedingung ihren Sieg, wie Bini Adamczak gestern abend sagte. Es verhält sich andersherum. Das Scheitern war Vorbedingung dieses ‚Sieges‘. Das ist die wirkliche Tragik. Im Oktober hat sich die Reaktion − um eine Metapher Schüttrumpfs zu entlehnen − „auf das Pferd der Revolution geschwungen“ und ihm die Zügel angelegt. Mit den anarchistischen Kommunen wurde sogleich im April 1918 aufgeräumt. Wer nicht in den Häuserkämpfen fiel, wurde der Tscheka ausgeliefert. Nicht nur Wera Pawlowna, auch Lenin wusste, was zu tun ist. Das Gemetzel von Kronstadt war schon ein Schlusspunkt.

      Jedesmalig haben seid 1918 die Autoritären und Sozialdemokraten die Räte und libertären Kommunen nach Kräften denunziert und zusammengeschossen. Von Neo-Leninisten (Žižek) und Sozialdemokraten (PdL) heute in vorwurfsvollem Ton gesagt zu bekommen, dass sich das Rätemodell nie lange bewährt hätte, zeugt von großem Zynismus oder großem Unwissen. Aber ohne dies ging es auch gestern abend nicht ab. Aus dem Publikum war kurz von „Denunziationsmustern“ die Rede, die fast automatisch „aktiviert“ würden. Aber man relativierte sich gleich höflich selbst. Elfriede Müller meinte von der Unzeitgemäßheit „anarchistischer Handwerkerkollektive“ zu wissen. Aber der kommunistische Anarchismus hat klar die Vorteile der Produktion in großem Maßstab gesehen, nicht weniger die zahllosen Verbindungen der Industrieföderationen untereinander. Überhaupt ist er ganz unabhängig vom „Stand der Entwicklung“, den die Technokraten so gern zu Bedenken geben. In Russland haben in diesem Sinne die Bolschewiki eine Industrialisierung diktatorisch forciert. (1) Bekanntlich können sich Marxist_innen zumeist „Kooperation“ in großem Maßstab nicht anders als durch „Zentralisation“ der Befehlsgewalt überhaupt vorstellen; und wenn es nicht der „Befehl des Kapitalisten auf dem Produktionsfeld“ (MEW 23, 350) ist, dann muss es schon jener des Fabrikobersten sein und all der „kleinen Meister“ (MEW 23, 326), aus denen die vermittelnde Ökonomie besteht, bis zum obersten zentralen Willen, der über allem erstrahlt, um, zwangsläufig terroristisch, die Fiktion reibungsloser Planung zu verbürgen.

      Die Anarchist_innen aller Generationen haben sehr früh und sehr klar gesehen, wohin diese ‚wirkliche Bewegung‘ führt: Zu einem „Staatssozialismus“, „gleichbedeutend (…) mit Unterdrückung jeder lokalen Unabhängigkeit und Vernichtung jeder persönlichen Initiative“ (Kropotkin), zu einem ‚autoritären und etatistischen Apparat‘, „der ‚von oben her‘ wirken und sich anschicken wird, alles mit eiserner Faust zu zermalmen“ (Volin), zur Einreihung der Menschen „durch Dekrete (…) als Staatsheloten in ein neues Wirtschaftsmilitär“. (Landauer) Um von Bakunin nicht erst zu beginnen. Und sie haben stets grundsätzlich andere Ansichten über das Vorausgehen von Minderheiten gehabt, wobei Mittel und Zweck nicht auseinanderfallen, nicht einander entgegengesetzt sind. Denn es gibt hier keine genaue Trennung, keine Gegensätzlichkeit, List oder Dialektik. Das einmal zu Erreichende muss unmittelbar vorweggenommen und in die Gegenwart eingebracht werden, um dort wirksam zu sein. Die freie Gleichheit muss als ein Axiom an den Anfang gestellt werden. Wenn es eine „wirkliche Bewegung“ gibt, dann ist es jene der Verifikation dieser Gleichheit in den tatsächlichen Bedingungen. Die Einforderung dieses Prozesses, der sofort beginnt, ist es, mit der die Anarchist_innen auf die Ausschlüsse reagierten. (vgl. Landauer AS, Bd. 2, 215) Das Vorausgehen ist nichts anderes als diese sofort beginnende Verifikation, die Bestätigung eines egalitären Sensoriums, die an keine besonderen Personen, keine personelle Avantgarde und keine Eigennamen geknüpft ist, auch noch unabhängig von der Zahl derer, die sich ihr verschrieben haben.

      Wer zwingt uns heute noch, uns mit einer bestimmten Linken zu identifizieren – falls wir nicht Pensionäre parteinaher Organisationen sind. Wenn es eine Offenheit der historischen Situation gibt, dann doch, um sich dem Bestand erneut zu nähern und unsentimental abzuwägen. Landauer arbeitete schon in den letzten Tagen der verfrühten und verspäteten Räterepublik, im Bewusstsein der Niederlage, fieberhaft um der Spur willen, für nachkommende Generationen. Ähnlich richtete sich Mühsam in seinem „Rechenschaftsbericht“ weniger an die Gegenwart als an einstige revolutionäre Historiker, deren Aufgabe es bekanntlich ist, das Unterlegene aus dem Kontinuum des schlechten Geschichtsverlaufs herauszusprengen.

      Als käme der autoritären Linken das Privileg ihrer eigenen Erkenntnis zu. Als hätte sich die libertäre Linke nicht längst, notgedrungen, mit der autoritären Linken beschäftigt. Woher rührt diese Arroganz einer Zeit, sich auf der Spitze aller bisherigen Entwicklung zu wähnen. Was, wenn die Erkenntnisse vergangener Epochen und in diesen die Erkenntnisse einer marginalen Minderheit uns weit mehr über unsere heutige Lage zu sagen hätten, als wir es selbst bis auf Weiteres könnten? Es gibt eine Auseinandersetzung der Linken mit sich selbst, d.h. des libertären mit dem autoritären Kommunismus, die bis 1868/72 und weiter zurückreicht. So wie die libertäre Opposition in der DDR in mancher Hinsicht vorgeschobener gewesen sein dürfte als viele Linke in der BRD, die es sich noch erlauben konnten, den „real existierenden Sozialismus“ zu verklären, hat die libertäre Linke insgesamt den Vorsprung eines guten Jahrhunderts in der Auseinandersetzung mit der autoritären Strömung, einen Vorsprung, den die Linke in ihrer Gesamtheit für sich zu nutzen hat. Sämtliche Vorhersagen betreffend der Entwicklungsdynamik des „autoritären Kommunismus“ sämtlicher Anarchist_innen der letzten 140 Jahre haben sich radikal bestätigt. Die Selbstkritik der Linken, ihre Auseinandersetzung mit sich selbst − wenn man sich denn so ausdrücken will, denn Selbstreflexion ist dialogisch − findet hier ihre ersten Quellen. Diese Auseinandersetzung ist überhaupt nur mit Aussicht möglich, weil die Linke stets schon ein Heterogenes war, mit einem heterogenen Erbe.

      Die Kritik des „Personenkults“, dem der Schriftsteller Erich Mühsam noch Anfang der 30er Jahre, kurz vor seiner Ermordung, eine „Kultur der Persönlichkeit“ entgegensetzen wollte, spricht sich erst seit dem 20. Parteitag der KPdSU allmählich in nominell-kommunistischen Kreisen herum.

      Dass die Ideen aus den Massen kommen, wie Peter Kropotkin dies in seinen sämtlichen Arbeiten nie müde geworden ist zu betonen, diese „neue These“ (Rancière), im April 1945 durch Mao ins Feld geführt, drang in den 60er Jahren an die Ohren der kommunistischen Bewegung im Westen und erhielt ihre volle Bedeutung zurückerstattet unter den Studierenden, unter denen „die anarchistisch-libertäre Ideologie (…) geherrscht hat.“ (Althusser; zur Kropotkinrezeption in China vgl. Gotelind Müller 2001)

      Zur gleichen Zeit gruben sich Zweifel am Zentralismus in den Körper dieser Bewegung, und in wesentlichen Teilen der Neuen Linken setzte sich die Idee einer Organisierung der Leute „von unten“ (Bakunin) fest, einer freien Assoziation, wie sie die Arbeiter des 19. Jahrhunderts bewegte und wie sie ihr entferntes Echo bei Marx fand. Noch ein paar Jahrzehnte und man wird es fertig bringen, in Marx den herausragenden Theoretiker des libertären Föderalismus und der freien Assoziation zu erkennen.

      Die Entwicklungsmetaphysik der Deutschen Sozialdemokratie hat spätestens Gustav Landauer 1908/1911 gründlich entzaubert. Vom Staat als Prinzip nicht zu Reden.

      Wenn es eine Verpflichtung gegenüber einem „linken Erbe“ gibt − und so wird man auch Bini Adamczak verstehen −, dann ist es die Verpflichtung gegenüber den unterlegenen, den alternativen Geschichtsverläufen. Nur treiben Marxist_innen gerne noch immer Personenkult, der sich nicht zuletzt darin äußert, mit Vorliebe Marx gegen den Marxismus zu kehren, einen Theoretiker als Ganzen zu nehmen, als Autoren, und ihm in allem Recht geben zu wollen. Monika Runge fiel ähnlich zum „Kommunismus von unten“ vor allem Rosa Luxemburg ein. Noch ein paar Jahre solcher Forschung, möchte man meinen, und Marx, der „Sultan von London“, wird schon immer der größte Exponent des libertären Kommunismus gewesen sein. Nein, leider nicht, trotz aller frühen und späten Zweifel, die sich auch finden lassen. (z.B. MEW 19, 386f)

      All jene Vorstellungen, welche die politische Strategie der kommunistischen Bewegung betreffen, sind lange im Verfall begriffen und weithin auf dem Rückzug. Wobei hier stets nur das Ausmaß der Verbreitung und anerkannten Gültigkeit bestimmter Ansichten gemeint ist, nicht, dass diese Ansichten nicht schon immer umstritten waren, dass sie es nicht auch heute noch wären, oder dass sie etwa zu ihrer Zeit richtig waren, es indes lediglich heute nicht mehr sind.

      Zusehends entledigen sich die Theorie des Kommunismus und die Kritik der politischen Ökonomie selbst ihrer liebsten Ansichten. Die Analyse und Kritik der kapitalistischen Produktionsweise desillusioniert alle Zusammenbruchsszenarien, jeden Automatismus einer letzten Zuspitzung und des einen reifen Augenblicks. Das Subjekt dieses Augenblicks, das Klassensubjekt der großen politischen Teilung, lässt sich nur als eine analytische Kategorie unter anderen aufrechterhalten, als ein ‚mehr oder weniger‘, das durch die Einzelnen verläuft.

      Bernd Gehrke erbittet sich, was das revolutionäre Subjekt angeht, mehr empirische Analysen zur Klassenstruktur. Schüttrumpf murmelt, das sei ihm zu „sozial-rassistisch“. Gehrke: „Das verstehe ich nicht.“

      An der Stelle aber eines irgendwie prädisponierten revolutionären Subjekts zeigt sich heute stattdessen immer deutlicher eine Tendenz zur Verallgemeinerung des subjektiven Faktors und zu einer Universalisierung der Wahrheiten, die prinzipiell jeden Menschen ergreifen können, so dass die Befreiung der unterdrückten Klassen, welche zugleich die Befreiung jedes Beliebigen ist, sich auch jedem Beliebigen, also unmittelbar und allgemein, als Menschheitsaufgabe stellt. Die Frage ist nur noch: Wer antwortet ihr, und antwortet ihr adequat? So erst findet sich ein Subjekt, aus lauter Einzelnen. Ein Subjekt, das keine Form der Herrschaft akzeptiert, und das stets eine Konstruktionsaufgabe ist.

      Das Modell der Staatspartei ist anrüchig geworden, ohne dass eine andere, eine anders zusammenfassende Idee es (breitenwirksam) ersetzt hätte. Die Frage ist heute nur noch, ob eine Parteiorganisation überhaupt Instrument eines freiheitlichen Kommunismus sein kann, und wenn ja, unter welchen Bedingungen, oder ob sie nur die besten Kräfte bindet und notwendig die parlamentarische Illusion verbreitet. Beantwortet die PdL diese Frage nicht, wird sie sich wahrscheinlich früher oder später demographisch erledigen. So könnte sie sich immerhin die geforderte „Entstalinisierung“ sparen.

      Viele ehemalige kommunistische Gewissheiten − der dialektischen Entwicklung, der Gegensätzlichkeit von Mitteln und Zwecken, einer personellen Avantgarde (stattdessen: Orientierung durch Ideen und Konzepte) und zentralistischen Organisationsstruktur − könnten heute kaum mehr der Rede wert sein. Wenn sie dennoch insgesamt nur zögerlich verabschiedet werden, dann nicht zuletzt deshalb, weil sich im Bereich der modernen Theorie des Kommunismus, genauer, seiner Theorie marxistisch-leninistischer Provenienz, kaum Aktions- und Organisationsformen finden lassen, welche die Lücke füllen könnten. Unersetzbar, was die Analyse des Funktionierens der kapitalistischen Produktionsweise anbelangt, ist die marxistische Theorie in politischer Hinsicht schlicht reaktionär.

      All die genannten Ansichten sind in Verfall, und dieser Verfall ist epochal. Er dauert bereits mehr als ein halbes Jahrhundert an, − aber er lässt sich auch beliebig weiter zurückverfolgen, bis zu Marx selbst. Nur leider sind diese Ansichten der traditionellen Theorie des autoritären Kommunismus insgesamt, ist dieser Theorie das anti-libertäre Resentiment derart wesentlich, dass aus deren eigenem Bereich kein Ersatz und keine Abhilfe zu erwarten ist. So ist zu befürchten, dass der absterbende, der unbewegliche und überschwere Korpus dieser Theorie auf absehbare Zeit den Platz besetzen wird, der durch eine alternative Strategie einzunehmen wäre.

      Wo nach Konzepten für diese Strategie zu forschen wäre, an welche abgerissenen Fäden anzuknüpfen, darum ging es mir hier. Um heute einen Schritt voraus zu tun, könnte es sehr wohl hilfreich sein, 140 Jahre zurückzublicken. Es ist nicht nötig, mit dem libertären Kommunismus nur so zu kokettieren, als müsste man immer noch die Denunziation als „kleinbürgerlich“ und dergleichen fürchten. Und selbst wenn; selbst wenn so viele linke Projekte indirekt am Tropf der PdL hängen.

      Es gibt keinen Gegensatz zwischen Kommunismus und Anarchismus. Die Frage ist nur, ob der Kommunismus autoritär sei oder libertär, zentralistisch oder föderalistisch. Aber selbst das ist gar keine Frage, denn der richtig verstandene Kommunismus, das wirklich gemeinsame Eigentum an Boden und Produktionsmitteln, nicht weniger als die wirklich klassenlose Gesellschaft, nicht irgendwann einmal, sondern unmittelbar wirksam in den Beziehungen der Kommunist_innen untereinander: das ist nichts anderes als der anarchistische Kommunismus, nichts anderes als der Anarchismus. In politischer Hinsicht haben wir heute gar nichts anderes als den libertären Kommunismus, trotz aller Schrullen, allem was sich an Unausgegorenem findet, und allem, was noch nicht entwickelt werden konnte. Wirklich Kommunismus oder Anarchismus zu sagen, das ist ein und dasselbe. Was da noch sich Kommunismus genannt hat, war nur die Herrschaft einer Clique und der kleinen Chefs. Aber das sind Gemeinplätze seit Jahrzehnten.

      Mark Harda, Berlin den 1. November 2011

      1) In einer analog verbreiteten Version dieses Textes hat es an dieser Stelle fälschlich geheißen: „Die Industrialisierung, so Bernd Gehrke, hätte in Russland ohnehin angestanden. Warum also nicht unter der Regie der Bolschewisten?“. Tatsächlich hat Gehrke lediglich auf den Sachverhalt hingewiesen, dass aus der Oktoberrevolution eine Industrialisierungs¬diktatur hervor¬gegangen ist, die er jedoch gerade nicht als notwendig oder in sozialistischem Sinne folgerichtig charakterisierte.

  2. Jan Nowack

    Bezüglich der letzten Veranstaltung.

    Bis auf einzelne lichte Momente fand ich den gestrigen Abend leider nicht sonderlich geglückt. Hab das auch schon von einigen anderen Leuten gehört. Hm.

    Ein Großteil der Beiträge schien mir so „Sonntagsreden“ zu sein und natürlich von Lucy Redler eine typische Repräsentationsveranstaltung (ich steh für das und das, und zu Sarah W. steh ich so und so). Die Diskussion war dann auch arg disparat, aber das ist vielleicht auch gut so. Aber kaum, dass irgendwo Problemstellungen produktiv weiterentwickelt wurden.

    Mein Verdacht ist, dass es vielleicht auch mit der Frage des Abends zu tun gehabt haben könnte: „Wohin?“ Der erste und zweite Abend hatten ja eine Antwort darauf schon evoziert, auch wenn die Frage in gewisser Weise eine inverse war: „Wohin nicht?“
    Vielleicht hätte also auch noch gefragt werden sollen nach dem „Wie“?

    Ich glaub Bernd Gehrke hat das ähnlich gesagt vom Podium aus: Es ist zwar gut Vorstellungen davon zu haben, wo man hin will. (Substantive sind nicht prinzipiell ein Problem; es gibt derer ja abstrakte (Gerechtigkeit) und konkrete Substantive (Kindergärten für alle, oder was weiß ich). Mit letzteren sollte mensch zumindest vorsichtig sein. Überhaupt führt aber diese ganze missverstandene negative Theologie nicht viel weiter. Sie läuft heute ja schon auf ein Verbot von Gedankenexperiementen hinaus; total verklemmt und steril.)

    Wohin? Okay! Das Problem ist aber, wie kommt man dorthin, das heißt, wie ist es möglich, in der gegebenen Situation und aus-gehend von ihr anzufangen. Denn es gibt da ansonsten ja offensichtlich eine Kluft und dann ist das wirklich nur Träumerei, „Utopismus“. Auch gut, aber nicht genug. Es wird auch dem eigenen Anspruch und der Verpflichtung zur Realität letztlich nicht gerecht. Keine „Übergangsgesellschaft“, sicher, aber irgendeine Strategie des Übergangs, der Veränderung ist notwendig. Da bedarf es dann tatsächlich einerseits begrifflicher Arbeit und auch einer Analyse der (je) konkreten Situation. Um ausnahmsweise auch mal Lenin zu zitieren: ‘Keine revolutionäre Praxis ohne revolutionäre Theorie.’

    Ich hab grad zufällig einen interessanten Satz gelesen, so in etwa, dass der Kapitalismus sich nicht ausgehend von einem Programm oder einem fertigen Plan entwickelt hat. Das heißt aber, er ist einfach bestimmten Prinzipien gefolgt, die in völlig verschiedenen Situationen erfolgreich anwendbar waren, die demnach auch taktisch an sie angepasst werden konnten. Irgendwie so muss es gehen!

    Es ist notwendig zu wissen, welche Prinzipien unter den (je) gegenwärtigen Bedingungen sowohl anwendbar sind als auch diese Bedingungen in einer bestimmten Weise affizieren, wie eine Art erfolgreicher Virus, der sich mit den gegebenen Vergesellschaftungsformen verschaltet und zugleich ihre molekulare Struktur verändert. Es muss eine ‘überlegene’ Vergesellschaftungsform sein, die sozusagen mit dem Strom gegen den Strom schimmt oder die bestehenden Kräfte umlenkt und gegen sie selbst richtet; eine weitreichende Konstellation aus (je flexiblen) Prinzipien, Konzepten, Praktiken usw.. Also sowohl Orientierung, Zusammenfassung, als auch taktisches Kalkül, Adaptation an die jeweilige Situation und die Arbeit mit den Gegebenheiten. usw.. Es gibt da schon einen reichen Schatz, den zu aktualisieren und zu arrangieren lohnen würde.

    Keep going!!
    LG,
    Jan

  3. Hallo Jan,
    danke für Deinen klugen Kommentar! Auch wir hätten uns einen anderen Veranstaltungsablauf gewünscht, aber hier und da sind die Dinge ein wenig aus dem Ruder gelaufen – sowohl auf dem Podium, als auch im Publikum.
    Substantiell werden, ohne belehrend zu wirken. Ich jedenfalls habe mir einige eigentlich notwendige Bemerkungen verkniffen. Dein Vorschlag Prinzien walten zu lassen (z.B. Ablehnung von top-down-Modellen) scheint mir der richtige und ich vertrete ihn seit vielen Jahren. Wenn wir eines gelernt haben sollten aus der Geschichte des (verhinderten) Sozialismus, ist es das, dass es keine „Patentrezepte“ geben kann, Schubladen noch weniger. Lokal und der Situation angepasstes Handeln ist notwendig und ein vermutliches Erfolgsmodell, auch hinsichtlich unseres bisherigen weitgehend unreflektierten Eurozentrismus. Und das, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Das war wohl auch das, was bspw. Michael Wilk vorschwebt. Mensch könnte es politisches Aikido nennen – mir passt das gut mit dem A am Anfang. 😉
    Was viele Leute wahrscheinlich „juckt“ und mich auch, ist, dass wir offenbar nicht mehr unermesslich Zeit haben, bis die Egomanen unsere Lebensgrundlagen zerstört haben. Das ist und bleibt ein Dilemma.

    A dopo! R@lf

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